Ein Konzept der Unternehmensverantwortung: Economy for the Common Good/ Gemeinwohl-Ökonomie | 20.03.2020

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Die Herausforderungen der VUCA World* und die damit verbundenen systemischen, oft eng miteinander verwobenen Risiken sind Gefahr und Chance gleichzeitig. Ein verändertes Wertesverständnis und ein aufgrund der Digitalisierung sich komplett wandelndes Kommunikationsverhalten von Kunden und Zivilgesellschaft, Themen wie Purpose, Marketing 3.0, Transparenz, evtle. zukünftige Anforderungen im Rahmen eines Lieferkettengesetzes oder des EU Green Deals, aber auch die Erwartung, Nachhaltigkeitskriterien zu entsprechen oder einer CSR-Berichtspflicht und nicht zuletzt Klima- und Coronakrise stellen Unternehmen vor große Herausforderungen. Lt. dem Finance-Magazin vom 14.05.2020 wird ein Unternehmen, das kein valides Nachhaltigkeitskonzept (Ökologie, Ökonomie, Soziales/ Gesellschaft) vorlegen kann, nicht langfristig am Markt Erfolg haben können.
 
Wie das Unternehmen zukunftsorientiert ausrichten? An welchen Prinzipien und Strukturen orientieren, ohne das Rad neu erfinden zu müssen?
 
Hilfreiche Instrumente sind hier bereits vorhandene Konzepte der Unternehmensverantwortung unterschiedlicher Art. Eines dieser Unternehmensverantwortungskonzepte stellt das normative Modell der Gemeinwohl-Ökonomie dar.
 

Worum geht es bei der Gemeinwohl-Ökonomie?

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Modell zum Aufbau einer nachhaltigen und ethischen Marktwirtschaft. Sie definiert eine alternative Wirtschaftsordnung zum Wohle aller: Das Ziel des Wirtschaftens ist das Gemeinwohl.

Die Gemeinwohl-Ökonomie baut auf den Grundwerten vieler demokratischer Verfassungen auf. Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung stehen im Mittelpunkt. Sie stellt einen Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene dar.

Von Österreich aus verbreitete sich die GWÖ-Idee über Deutschland, die Schweiz, Italien, Spanien bis in die Benelux-Staaten, nach Großbritannien, Skandinavien und in osteuropäische Länder. Mittlerweile ist sie in Lateinamerika, den USA und Afrika angekommen. Eine weltweite, stetig wachsende Community ist entstanden.

Erfolg misst sich in der Gemeinwohl-Ökonomie an der Erhöhung des Gemeinwohl-Beitrags. Zum Beispiel durch kooperatives, faires Verhalten und die ausgewogene Balance von ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten. Eckpfeiler ist die Gemeinwohl-Bilanz.

Die Gemeinwohl-Ökonomie in Zahlen

Die GWÖ wurde 2010 nach zweijähriger Vorlaufzeit in Österreich auf Basis des gleichnamigen Buches des Wirtschaftsreformers Christian Felber gegründet. Die Bewegung konnte bereits zahlreiche Meilensteine und Erfolge erzielen und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Aktuell umfasst sie weltweit 11.000 Unterstützer*innen, mehr als 2.000 Aktive in über 100 Regionalgruppen, 30 GWÖ-Vereine, 600 bilanzierte Unternehmen und andere Organisationen, knapp 60 Gemeinden und Städte sowie 200 Hochschulen weltweit, die die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie verbreiten, umsetzen und weiterentwickeln.

 Wie arbeitet die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung?

 Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie ist ein offenes Konzept — jede Privatperson, jedes Unternehmen, jede Kommune, jede Organisation / Institution kann sich beteiligen.  

Privatpersonen können sich in Regionalgruppen und Akteur*innen-Kreisen einbringen oder diese gründen. Unternehmen, Organisationen und Kommunen können Gemeinwohl-Bilanzen erstellen und so Pionier*innen der Bewegung werden.

Gemeinsame Entscheidungen treffen alle Gruppierungen bei der jährlichen Delegiertenversammlung. 2013 wurde ein internationales Koordinationsteam eingerichtet. 2018 folgte die Gründung des GWÖ-Verbandes, der die Fördervereine von Schweden bis Chile koordiniert.

Die Gemeinwohl-Bilanz

Die Gemeinwohl-Bilanz Bilanz basiert auf der sogenannten Gemeinwohl-Matrix, in der 20 Gemeinwohl-Themen beschrieben sind, anhand derer die Beiträge eines Unternehmens, einer Organisation, einer Kommune zum Gemeinwohl sichtbar gemacht werden. In jeder Gemeinwohl-Bilanz können maximal 1000 Punkte erreicht werden.

Damit ist erstmals das Ergebnis eines CSR-Standards über alle Branchen, Rechtsformen und Unternehmensgrößen vergleichbar. Die GWÖ-Bilanz erfüllt die 2017 in Kraft getretene EU-Berichtspflicht zu nichtfinanziellen Informationen (NFI).

An den 2015 verabschiedeten 17 Sustainable Development Goals (SDG) / Nachhaltigkeitszielen der UN orientieren sich immer mehr Unternehmen und Einrichtungen. Innerhalb jedes Gemeinwohl-Themas wird mindestens ein SDG adressiert, tendenziell sogar mehrere. Die Bilanz zeigt auf, inwieweit durch die „SDG-Performance“ negative soziale, ökonomische und ökologische Auswirkungen verringert bzw. positive Auswirkungen verbessert werden können.

Welche Unternehmen, Kommunen und Institutionen haben schon bilanziert?

Zu den Pionier-Unternehmen zählen u.a.:

  • Taz Tageszeitung, Berlin
  • VAUDE Sport, Tettnang
  • elobau Sensor Technology, Leutkirch
  • Sparda Bank, München
  • Herzogsägmühle, Diakonie, Peiting
  • Synthro, Mainz
  • Sonnendruck, Wiesloch
  • Lilly, Bad Homburg
  • BKK Provita, Bergkirchen

Pionier-Kommunen:

Die Stadt Stuttgart ermöglicht vier Kommunalbetrieben eine Gemeinwohlbilanzierung. Ab 2019 bot die Stadt Unternehmen in Stuttgart ein Förderprogramm, das 50% der Beratungskosten für eine GWÖ-Bilanz erstattet.

Die Stadt Mannheim stellte ebenfalls einen Etat bereit, um in 2019 für kommunale Betriebe eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen.

2019 bilanzierte auch Konstanz einen städtischen Betrieb gemäß Gemeinwohl-Ökonomie.

Die ersten zertifizierten Gemeinwohl-Gemeinden in Deutschland sind Kirchanschöring in Oberbayern und die schleswig-holsteinischen Gemeinden Breklum, Klixbüll und Bordelum. 2018 erfolgte die Testat-Verleihung an Kirchanschöring, 2019 an die drei schleswig-holsteinischen Gemeinden

Pionier-Institutionen:

Erste bilanzierte Hochschulen sind die Business School Lausanne, die FH Burgenland und das IGC Intern. Graduate Center der FH Bremen.

Politische Unterstützung

Hessen und Baden-Württemberg haben die Gemeinwohl-Ökonomie in den Regierungsprogrammen. Ebenfalls Salzburg und Valencia.

Positiv in Hessen wirkt, dass bei der Landtagswahl 2018 das Thema Nachhaltigkeit in die Verfassung aufgenommen wurde.

Der EU-Wirtschafts- u. Sozialausschuss hat die GWÖ in einer Initiativstellungnahme 2015 mit 86% der Stimmen angenommen. Er hält sie „für den Einbau in den EU-Rechtsrahmen der Mitgliedsstaaten“ geeignet. 2017 zählte er sie zu den „Neuen nachhaltigen Wirtschaftsmodellen“.

Wissenschaft, Forschung und Lehre

Die GWÖ ist auch zunehmend in Wissenschaft und Forschung aktiv. Zu den Zielen des deutschsprachigen GWÖ-Forschungsvereins zählen neben Forschungsprojekten die Entwicklung von Anwendungen, die Förderung des wissenschaftlichen Diskurses und die Weiterentwicklung zu einer fundierten Theorie („Gemeinwohl-Ökonomik“). Der Verein betreibt für diese Zwecke eine Plattform, der bereits über 150 Wissenschaftler*innen aus dem deutschsprachigen Raum angehören. 2018 wurde ein von Dr. Günter Koch koordinierter wissenschaftlicher Beirat eingerichtet.

Seit Juni 2017 gibt es an der Universität Valencia den weltweit ersten GWÖ-Lehrstuhl. Im Herbst 2018 startete am Studienzentrum Saalfelden in Kooperation mit der FH Burgenland der MA-Lehrgang „Angewandte Gemeinwohl-Ökonomie“.

Die empirische Studie „GIVUN“ der Universitäten Flensburg und Kiel kommt 2018 zum Schluss: „Im Vergleich zu anderen Instrumenten unternehmerischer Nachhaltigkeit setzt die Gemeinwohl-Bilanz stark auf Suffizienz bzw. die absolute Reduktion des Naturverbrauchs. Daher trägt das Modell das Potenzial in sich, den Wandel in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft zu ermöglichen“.

Die Universität Valencia bestätigt im Dezember 2018 „Die Gemeinwohl-Bilanz geht über bestehende CSR-Ansätze hinaus und fördert sowohl die ethische Performance der anwendenden Unternehmen als auch ihre finanziellen Ergebnisse“.

Lt. der Universität Bremen scheint die Gemeinwohl-Bilanz gut geeignet zu sein, um die eigenen Prozesse kritisch zu prüfen und dabei vielfältige Möglichkeiten zu entdecken, die im täglichen Handeln zur Erfüllung der Sustainable Developments Goals (SDGs) beitragen können.

Im IASS, Institute for Advanced Sustainability Studies, koordiniert Christian Felber 2019 das Forschungsprojekt „Integrating the best and most widely used sustainability reporting frameworks into one unified and legally binding standard”.

Richtung Zukunft

Der ergebnisoffene Weg zu einer gemeinwohlorientierten Wirtschaftsordnung soll in demokratischen Wirtschaftskonventen entwickelt, unter Bürgerbeteiligung entschieden und in den Verfassungen verankert werden.

Auf wirtschaftlicher Ebene erstellen Gemeinwohl-Betriebe eine Gemeinwohl-Bilanz, auf kommunaler Ebene erstellen Gemeinwohl-Gemeinden weiterführend einen kommunalen Lebensqualitäts-In-dex und auf Ebene der Bildung entwickeln Schulen und Universitäten Gemeinwohl-Lehrgänge.

Auf politischer Ebene schaffen rechtliche Anreize Vorteile für GWÖ-Betriebe. Beispielsweise durch Vorrang bei öffentlichen Aufträgen, vergünstigte Investitionskredite oder in steuerlicher Hinsicht.

Gemeinwohlorientierte Betriebe können so günstiger anbieten und finden – wie heute schon durch hohe Glaub- und Vertrauenswürdigkeit – auch über den Preis deutlich höhere Akzeptanz am Markt. Fair und nachhaltig hergestellte Produkte werden dadurch stärker nachgefragt.

Botschafter*innen/ Statements

„Es freut mich sehr, dass die Gemeinwohl-Ökonomie immer mehr Anerkennung findet, etwa durch den ZEIT WISSEN Preis oder ein auf die GWÖ bezogenes Wirtschaftsförderungsgesetz in Valencia, Spanien.“ Ernst Ulrich von Weizsäcker, Club of Rome

„Solidarität, Ökologie und Demokratie müssen in einer Geschäftsstrategie mit der Ökonomie auf gleicher Stufe stehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Wirtschaft ohne Ethik und Maß nicht funktioniert.” Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München eG. Das Finanzinstitut ist mit 234.000 Mitgliedern größte Genossenschaftsbank in Bayern.

„Als Unternehmer möchte ich mich für die Etablierung einer ethischen Marktwirtschaft einsetzen, in der nicht die Vermehrung von Geldkapital, sondern das Gemeinwohl und ein nachhaltig gutes Leben für alle im Mittelpunkt stehen.“ Heinrich Kronbichler, Unternehmer, Vorstand WBS TRAINING AG

„Wir müssen aufhören zu glauben, dass der eigene Wohlstand unabhängig vom gemeinschaftlichen Wohlstand existiert.“ Anna Mercadé, Direktorin der Unternehmerinnenvereinigung in der Handelskammer von Barcelona

„Am 17.9.2015 hat sich der EU-Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) eindrucksvoll zu den Ideen der GWÖ bekannt. Er hat zum Ausdruck gebracht, dass diese sowohl in den europäischen als auch in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen integriert werden sollten! Als Mitglied des EWSA freue ich mich über diesen Erfolg und bin davon überzeugt, dass das Ziel einer ethischen Marktwirtschaft, die soziale Innovationen, Beschäftigung und Umwelt fördert, damit erreicht werden kann.“ Mag. Thomas Wagnsonner, Mitglied im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA)

„Nachdem ich die Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber gelesen habe, war mir klar, dass nur mit solchen innovativen und kreativen Ideen ein gerechteres Zusammenleben der Menschen erreicht werden kann. Diese Vision einer nachhaltigen sozialen Gesellschaft, des bedarfsgerechten Lebens für alle Lebewesen, halte ich für notwendig.“ Konstantin Wecker, Liedermacher/ Autor

*VUCA-World steht für die Abkürzung von

  • Volatilität (Unbeständigkeit)
  • Unsicherheit
  • Komplexität
  • Ambiguität (Mehrdeutigkeit)
 

Monika Stoehr

März 2020


Mehr zum Veranstalter / zur Veranstaltung/ zur Quelle:

Vision:
https://www.ecogood.org/de/vision/

Gemeinwohl-Bilanz – Orientierung, Schnelltest für Unternehmen, Gemeinden, politische Umsetzung

https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/

Community – beteiligte Unternehmen, Institutionen und generelle Organisationsstruktur:

https://www.ecogood.org/de/community/

Botschafter*innen und Statements

https://www.ecogood.org/de/community/botschafterinnen/

Pionier-Unternehmen/ -Einrichtungen:

https://www.ecogood.org/de/community/pionier-unternehmen/

News, Studienergebnisse:

https://www.ecogood.org/de/metanavigation-top/news/

Presseinformationen:

https://www.ecogood.org/de/metanavigation-top/presse/


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